Vom Kinderglück zum Sammlertraum – Erzgebirgisches Spielzeug im Wandel der Zeiten

Sonderausstellung im Weihnachtshaus Husum 16. April–16. Oktober 2011

Anlässlich der großzügigen Schenkung einer Hamburger Sammlerin an das Weihnachts­haus beschäftigt sich die erste Sonderausstellung 2011 mit zeitgenössischem Spielzeug und Kunsthandwerk aus dem Weihnachtsland Erzgebirge. Ausgewählte Objekte aus dieser Sammlung – traditionelle Spielzeuge, saisonale Figurengruppen und Spieluhren sowie Nuss­knacker – werden zusammen mit einzelnen historischen Vergleichsobjekten aus dem Fundus des Museums präsentiert, um die Veränderung in Produktion und Verwendung aufzuzeigen.

Schon seit dem 18. Jahrhundert wird im Erzgebirge Spielzeug hergestellt. Was zunächst als abendlicher Zusatzerwerb diente, entwickelte sich gleichzeitig mit der Industrialisierung zu einer bedeutenden Heimindustrie. Der Vertrieb erfolgte über Verleger, die die wichtigen Messeorte wie München, Nürnberg, Leipzig und Hamburg besuchten. Die Vermarktung bis nach Übersee führte zu so erheblichem internationalen Preisdruck, dass die Spielzeug­produktion nur mit Hilfe von innovativen Herstellungsverfahren und Arbeitsteilung innerhalb von Familien, Dörfern und ganzen Regionen wirtschaftlich betrieben werden konnte. So spezialisierten sich einzelne Orte auf bestimmte Motive wie Baukästen, Pferdeställe und Tiere, Schachteln, Nussknacker, Räuchermänner oder Miniaturen.

Anhand von Musterbüchern, die den reisenden Verkäufern als Anschauungsmaterial dienten, sieht man, dass sich in den vergangenen 150 bis 200 Jahren zwar die Ausführung der aus Holz gefertigten Spielzeuge geändert hat, dass aber die Formen der Aufstellspielzeuge, Bewe­gungs- oder Geduldspiele sich kaum verändert haben. Der Bruch in der Gestaltung erfolgt erst durch neue Materialien und die Technisierung. Die stärkste Veränderung geschieht durch das Eindringen der Computerspiele in das Kinderzimmer.

Neben der Veränderung der Spielgewohnheiten der Kinder führen politische Entwicklungen wie der Zweite Weltkrieg und die darauf folgende Teilung Deutschlands zu einem Wende­punkt in der Spielzeugproduktion. Zunächst müssen die Betriebe kriegsnotwendige Güter wie z. B. Soldatenkisten oder andere Objekte aus Holz produzieren, später sind sie dann von den internationalen Märkten abgeschnitten. Die politische Entwicklung in der DDR setzt zudem nicht auf Marktmechanismen, sondern enteignet die oft kleinen Privatunternehmen und führt sie in großen Spielzeugkombinaten zusammen. Neue Märkte müssen erschlossen und zeitgemäßes Spielzeug oft für westliche Warenhausketten oder Versandhandelsunternehmen geschaffen werden. Nur einige wenige Betriebe entgehen der Enteignung und können oft nur über Heimarbeit und unter großen Schwierigkeiten z. B. bei der Materialbeschaffung herkömmliches Spielzeug nach alten Motiven herstellen.

Nach der Wende waren es gerade diese Familienbetriebe, die mit dem noch vorhandenen Wissen der alten Besitzer versuchten, wieder an die Produktion der Vorkriegszeit anzu­knüpfen. Wer konnte, der reprivatisierte seine Firma und stellte sich den neuen Markt­gegebenheiten. Es mussten nicht nur Kundenbeziehungen wieder aufgebaut werden, nachdem zwischenzeitlich alles über den DDR-Außenhandel abgewickelt wurde, sondern es musste auch dem neuen Spielverhalten Rechnung getragen werden.

Nach nunmehr über zwei Jahrzehnten Marktwirtschaft sind viele ehemalige DDR-Unternehmen vom Markt verschwunden, andere haben es geschafft, aus den ursprünglich für Kinder produzierten Spielzeugen gesuchte Vitrinenobjekte für Sammler werden zu lassen.



Der Sommer 2011 steht im Weihnachtshaus ganz im Zeichen des Spielzeugs: Während die Sonderausstellung sich in erster Linie mit der jüngeren Vergangenheit beschäftigt, wird gegen Mitte des Jahres eine neue Dauerausstellung schwerpunktmäßig historisches Spielzeug zeigen. Dafür wird derzeit in der zweiten Etage des gründerzeitlichen Hauses eine Sozialwohnung, die 1923 zur Behebung der Wohnungsnot eingerichtet werden musste (mit „Fenster zum Flur“), umgebaut. Auf dieser erweiterten Ausstellungsfläche ist dann die Ausstellung „Aus der Werkstatt des Weihnachtsmanns – Deutsches Spielzeug aus 150 Jahren“. Altes Spielzeug aus dem Erzgebirge, Puppen, Teddybären, Eisenbahnen und vieles mehr werden dann hier zu sehen sein.